Wie kam es zu einem Foto? Wie und warum wurde fotografiert? Was ist in der Nachbearbeitung geschehen? Die Entstehungsgeschichte eines Fotos. Ich bin neugierig, was sich hinter einer Aufnahme verbirgt. Ich möchte euch diese Fragen beantworten. Eine weitere Serie geht an den Start: Entstehungsgeschichte. Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto bei Facebook und bei Instagram veröffentlicht. Auf dem Bild, dass ich ganz unkreativ “Waterfall Ice Cave Selfie” getauft habe, posiere ich in einer Eishöhle auf Island.

Wie es zu dem Foto kam

Ice Caves standen ganz weit oben auf meiner Liste. In einer ruhigen Minute habe ich im Internet nach Tour Anbietern gesucht. Ice Caves sind ständig im Wandel. Was heute stabil ist, kann morgen zusammenbrechen oder nächstes Jahr geschmolzen sein. Eine dieser Eishöhlen ohne kundige Begleitung zu besuchen ist gefährlich. Ich rate dringend davon ab. Die Preise scheinen hoch, sind jedoch jeden Cent wert. Ich dachte mir, dass ich mein Glück mit dem Prinzip Dienstleistung-gegen-Dienstleistung versuchen könnte.

Viele Anbieter auf Island haben gute Bilder. Dass ich mit dem Angebot “Fotos gegen Tour” nicht weit komme, dachte ich mir schon. Also habe ich eine Nachricht verfasst, die ich personalisiert an drei Anbieter schicke. Ich frage nach deren Angebot und Preisen für private Ice Cave Touren und ob man sich gegenseitig helfen kann. Von Fotos über Hilfe bei der Website bis hin zu alltäglichen Tätigkeiten hab ich alles angeboten, was ich kann. Die erste Rückmeldung kam schneller als erwartet.

Nach 20 Minuten bekomme ich eine Nachricht von Helen von LocalGuide.is. Wie erwartet brauchen sie keine Fotos. Jedoch will sie eine neue Internetseite und sie braucht Hilfe bei der Einrichtung. Im Gegenzug würde ich eine privaten Tour in die schönsten Ice Caves bekommen. Schon am nächsten Tag befinde ich mich auf dem Weg nach Fagurhólsmýri, einer kleinen Gemeinde an der südlichsten Spitze des Vatnajökull. Am ersten Tag setzen wir uns an die Website, am zweiten Tag bekomme ich meine Tour in eine der Eishöhlen. Geführt vom Chef persönlich: Einar Rúnar Sigurðsson.

Dieser Offroad-Bulli bringt uns so nah an den Gletscher wie es geht.

Die Gletscherkante ist oft instabil. Auf eigene Faust los zu ziehen kann gefährlich werden.

Was ich beim Fotografieren getan habe

Auf der Fahrt zur Eishöhle erzählt mir Einar, dass er den Höhlen Namen gibt. Da unsere Höhle einen Wasserfall hat, nennt er sie “Waterfall Ice Cave”. Am Ende dieser Höhle, dort wo man gerade noch stehen kann, leuchtet im richtigen Licht die Decke in einem tiefen Blau. Er taufte diese Decke “Sapphire Ceiling”.

Nach 20 Minuten stehe ich in der Eishöhle.

Nach einer kurzen Wanderung kommen wir in der Höhle an. Da Einar den Zugang ausbessern will, habe ich viel Zeit in der Höhle. Er weist mich darauf hin, ab wo ich nicht weiter gehen sollte und wo ich nicht stehen sollte. Natürlich begebe ich mich auch in den hinteren Teil der Höhle unter die tiefblaue Decke. Um so viel wie möglich vom Sapphire Ceiling drauf zu bekommen, benutze ich die kleinste Brennweite. Mein 9-18mm Objektiv* ist kaputt. Ich benutze das 12-24mm Objektiv*. Ich wähle zunächst Blende 5,6. Um die Bewegung des Flusses weich zu zeichnen, stelle ich die Belichtungszeit auf 2 Sekunden. Den ISO drehe ich hoch bis ich mit der Helligkeit zufrieden bin. Das ist der Vorteil einer Live-Vorschau: Man kann sehen, wie das Endergebnis aussehen wird.

Die Einstellungen bevor ich ins Bild gehe.
ISO 800 · 12mm · f/5.6 · 2s

Etwas fehlt mir noch: Eine Person im Bild. Ich bin die einzig verfügbare. Da ich wie die meisten anderen auch nicht vollkommen still halten kann, drehe ich die Belichtung auf eine Sekunde runter um die durch meine Bewegung entstehenden Unschärfe zu minimieren. Die Blende ändere ich ebenfalls noch auf 8. Dadurch erhalte ich einen größeren Schärfebereich ohne viel an Schärfe durch eine zu kleine Blende zu verlieren. Das Bild ist nun insgesamt dunkler, was mir besser gefällt. Um richtig zu fokussieren nutze ich die WLAN-Funktion der Kamera. Dies ermöglicht mir von meinem Smartphone aus das Livebild der Kamera zu sehen, zu fokussieren und auszulösen. Ich muss beim Auslösen das Smartphone nur so halten, dass es nicht im Bild zu sehen ist.

Waterfall Ice Cave Selfie

Das Endresultat. Ein wahnsinniger Blick und eine schöne Erinnerung.
ISO 800 · 12mm · f/8 · 1s

Was ich in der Nachbearbeitung getan habe

Ice Caves sind fotogen. Die glatte Struktur und Farbe des dichten Eises, das Licht… viel muss man nicht leisten. In der Nachbearbeitung beschränke ich mich auf das gerade Rücken des Bildes, das Korrigieren von Kameraschwächen und die Akzentuierung der Strukturen und des Lichts. Für die Bildbearbeitung verwende ich ausschließlich Adobe Lightroom.

Auswahl des Bilder

Ich habe den von Gunter Wegner beschriebenen Auswahlprozess übernommen. Alle Fotos, die mir gefallen erhalten einen Stern. Gelöscht wird nur, was Müll ist. Schwarz, weiß oder verschwommen. So verschwende ich keinen Gedanken und Zeit damit, ob das Bild dauerhaft gelöscht werden kann oder nicht. Aus dieser Auswahl bekommen die Fotos zwei Sterne, die ich als nächstes bearbeiten will. Nach dieser Auswahl lege ich eine erste Pause ein um Abstand zu den Bildern zu gewinnen und die Augen zu entspannen. Anschließend nehme ich mir diese Bilder zur Bearbeitung vor. Nach der Bearbeitung bekommt das Bild drei Sterne, was dem Basislevel für bearbeitete Bilder entspricht.

Auswahl des Kameraprofils

Als erstes kommt die Wahl des Kameraprofils. Der letzte Reiter in den Entwicklungseinstellungen von Lightroom. Diese Reihenfolge verstehe ich nie. Die Auswahl des Kameraprofils ist für mich die erste Aktion. Die verfügbaren Profile unterscheiden sich je nach Kamera und Hersteller. Ich wähle das Profil, welches mir für das aktuelle Foto am besten passt. In diesem Fall “Camera Vivid”.

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Kamerakalibrierung

Grundeinstellungen

Nach der Beschneidung des Bildes und dem gerade Rücken beginne ich mit den Grundeinstellungen.

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Grundeinstellungen

Ich fange mit dem Weiß-Regler an und verpasse dem Bild damit einen leicht leuchtenden Charakter. Dann spiele ich mit dem Schwarz-Regler. In diesem Fall ist mehr Kontrast nicht notwendig. Der Regler bleibt bei +1 stehen. Sollte vermutlich 0 sein. Zittrige Hand vermutlich. Mit der Taste “J” sehe ich die ausgebrannten Bereiche im Bild. Um die Details in den Lichtern und Schatten zurück zu bekommen, drehe ich den Belichtungswert etwas hoch, ziehe Lichter nach unten und Tiefen nach oben. Ein paar ausgefressene Punkte wären mir egal. In diesem Fall passt alles.

Um mehr Details in die Struktur der Decke zu bekommen verwende ich den Klarheit-Regler. Ich ziehe diesen hoch bis ich zufrieden bin. Anschließend ein kleines Stück zurück, denn in der Regel ist weniger mehr. Man neigt dazu in der Bearbeitung eher zu viel zu tun.

Gradationskurve

Seit neuestem arbeite ich intensiver mit der Gradationskurve für die Kontrastanpassung anstelle des Kontrast-Reglers in den Grundeinstellungen. Diese bietet mir eine sensiblere Kontrolle über die Helligkeitsbereiche im Bild.

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Gradationskurve

In der Kurve sieht man bei kontrastreichen Bildern zwei Berge, welche die Kurve teilen. Auf Höhe des Tals zwischen diesen beide Bergen und auf der Diagonalen der Gradationskurve setze ich einen Fixpunkt. Anschließend jeweils einen auf Höhe der Bergmitte. Diese beiden Punkte ziehe ich nach unten und oben, bis mir der Kontrast im Bild zusagt. Anschließend ein Stück zurück. Weniger ist mehr.

Farbkorrekturen

Das Blau im Ausgangsmaterial entspricht nicht dem der Höhle. Das kann an verschiedenen Gründen liegen, die vermutlich den technischen Grenzen der Kamera zuzuordnen sind. Ich wechsle in den Farbe-Reiter und wähle die Farbe Blau aus. So sehe ich alle Regler für die Blau-Anpassung auf einen Blick.

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Farbeinstellungen

Ich ziehe den Farbton weiter in Richtung Blau um der Grün-Stich los zu werden. Da der Farbton nun zu krass ist, ziehe ich die Sättigung zurück. Um mehr Details und Kontrast in der blauen Eisdecke zu bekommen, ziehe ich die Luminanz zurück um der Farbe mehr Tiefe zu geben.

Details

Ich wende meine Standardwerte für die Schärfung von Landschaftsbildern an: 80 / 0.8 / 40. Bei gedrückter ALT-Taste ziehe ich den Masken-Regler so weit nach oben, dass ich die Konturen und Details, die ich schärfen will, in Weiß sehe. Große einfarbige Flächen sollten schwarz sein. Eine Schärfung dieser Bereiche führt nur zur Erhöhung des Rauschens.

Auf Grund des ISO-Wertes von 800, der in der Nachbearbeitung hoch gedrehten Belichtung und dem Aufziehen der Schatten, füge ich eine leichte Rauschreduzierung hinzu. Wieder ist weniger mehr.

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Details

Objektivkorrekturen

Im Reiter Objektivkorrektur mache ich keine Änderungen. Oft werden in diesem Reiter standardmäßig die Profilkorrektur und die Entfernung der chromatischen Aberration aktiviert. Daher eine kurze Erklärung wieso diese deaktiviert sind.

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Objektivkorrekturen

Bei meinen Kameras von Olympus ist die Objektivkorrektur in der RAW-Datei enthalten und wird automatisch angewendet. Daher ist diese Option deaktiviert. Eine Farbverschiebung an kontrastreichen Kanten (chromatische Aberration) kann ich auch nicht erkennen und lasse diese deaktiviert.

Effekte

Als letzte globale Anpassung füge ich eine leichte Vignette hinzu (Randschattierung) um das Auge des Betrachters auf die Bildmitte zu lenken. Den Ort, an dem ich mich im Bild befinde.

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Effekte

Lokale Anpassungen

Um den Effekt der Vignette gezielter auf einem bestimmten Bereich zu lenken füge ich einen Radialfilter hinzu der zum Rand hin die Belichtung und Klarheit verringert. Faktisch entspricht dies einer weiteren Randabschattung und Verringerung der Details und Schärfe zum Rand hin. Der Radialfilter hat gegenüber der Vignette im Effekt-Reiter jedoch den Vorteil, dass sich alle Eigenschaften anpassen lassen und sich der Effekt genauer ausrichten lässt. Da das menschliche Auge von scharfen und hellen Bereichen angezogen wird, lenke ich durch den Radialfilter das Auge auf die Bildmitte.

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Radialfilter

Waterfall Ice Cave Selfie - Lightroom Einstellungen - Radialfilter

Abwarten und nachkorrigieren

Nach meiner Bearbeitung lasse ich die Bilder eine Zeit liegen. Nach einer gewissen Zeit der Bildbearbeitung finden deine Augen alles gut und die Bearbeitungen drohen zu viel zu werden. Ich schaue mir das Bild am nächsten Tag nochmal an und mache Feinjustierungen an den Blautönen, bevor ich es im Anschluss über das Druckmodul bei Instagram veröffentliche und als mein neues Titelbild bei Facebook verwende.

Das Endergebnis

Waterfall Ice Cave Selfie

Ich hoffe es war interessant den Prozess hinter einem Fotos zu sehen. Wenn du noch Fragen hast, schreib mir einen Kommentar.

Übrigens: Wenn du mehr Hintergrund-Material von meinem Fotografie- und Reise-Alltag sehen willst, kannst du dir meine Story bei Snapchat anschauen. Snapchat-Name natürlich “Tripaphy”. Mach einfach ein Foto von meinem Code mit der Snapchat-App.


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Abschließend noch ein paar Links zu weiterführenden Themen oder Seiten, die ich angesprochen habe.

Alle Beiträge von Island

Weitere Entstehungsgeschichten

Gunter Wegners 3x3 für bessere Fotos

Technischer Kram

Bei meinen Fotografien kommt verschiedenste Ausrüstung zum Einsatz. Bei den hier gezeigten Aufnahmen habe ich die folgende Ausrüstung verwendet:

Stativkopf
SIRUI K-20X*

Sirui K-20X Stativkopf (Alu, Wechselplatte TY-60) schwarz

2 Kommentare

  • Rene Olejnik sagt:

    Hallo Niklas ! Ein toller Beitrag, tolle Idee mit dem Anbieten von Dienstleistung im Tausch gegen eine andere Dienstleistung ! Bin auch bald auf Island und mal sehen was ich alles für motive Finde !

    • Niklas sagt:

      Hallo Rene! Freut mich, dass er dir gefällt. Ich kann solche Kooperationen wirklich jedem empfehlen. Nicht nur spart man dadurch Zeit, man macht auch Erfahrungen die man sonst nicht gemacht hätte und trifft interessante Leute. Eventuell sogar zukünftige Freunde :)

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